Artikel basierend auf einem Facebook-Eintrag, zuerst erschienen auf

reitschuster.de

Über die Lage in der Intensivmedizin wird seit der Corona-Pandemie ausführlich berichtet. Dabei wird der Eindruck vermittelt, dass die Pandemie alleiniger Auslöser von Intensivbettenmangel und Überlastung der Mitarbeitenden ist. Intensivschwester Tine berichtet über ihre langjährigen Erfahrungen und das Versagen der Politik.

Wenn das Gesundheitswesen der Politik dient und nicht den Kranken

„Die Menschen werden getäuscht und belogen“, ist Intensivschwester Tine überzeugt. Der Bettenabbau, der durch Personalmangel, Rationalisierungen und staatliche Zuschüsse gefördert wird, läuft weiter. Als „Show-Klinik“ hält übrigens das Land Berlin auf der Messe seit über einem Jahr 500 „personalfreie“ Coronabetten bereit. Kostenpunkt: 300 Tausend Euro pro Monat, wie die Zeitung B.Z. berichtet. Ein virtuelles, ein politisches Krankenhaus ohne Pflegepersonal für Berlin.

Corona ist nicht der Auslöser des Pflegenotstands. Corona offenbart die Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheitspolitik. dieBasis fordert ein Umdenken in der Gesundheitspolitik und verlangt in der Stellungnahme der AG Gesundheit einen Strategiewechsel in der Bewältigung der gesundheitlichen Herausforderungen.

Intensivschwester Tine aus der Coronastation

Seit 30 Jahren ist Tine Krankenschwester. Derzeit auf der Coronastation. Der Intensivbettenmangel dort sei nicht neu, erklärt sie. „Ich persönlich habe schon vor Corona erlebt, dass in der Umgebung keine freien Betten mehr zur Verfügung standen“, so Tine. „Dies ist in Deutschland schon lange Realität, dafür braucht es kein Corona!“ Sie ärgert sich maßlos darüber, dass die politisch verursachte Misere jetzt als Alibi genutzt wird, um den Menschen Maßnahmen, die in Grundrechte eingreifen, „unterzujubeln“, wie sie meint.

Für Angst und Panikmache kein Verständnis

„Für diese Angst und Panikmache auch mancher Kollegen habe ich kein Verständnis“, schreibt Tine. Der Engpass wurde durch Krankenhausschließungen und Pflegekräftemangel verursacht und nicht durch Corona. Viele Betten wurden und werden u. a. gesperrt, weil kein Intensiv-Personal da ist. „Es ist die pure Heuchelei der Politik, jetzt so zu tun, als ob sie sich Sorgen machten, dass keine Betten und kein Personal zur Verfügung stehen, und dies allein mit Corona zusammenhinge.“ Dabei habe die Politik selbst seit Jahrzehnten an der Verknappung mitgewirkt. „Warum wurden in 2020 in Deutschland 20 Krankenhäuser geschlossen, wenn wir eine Pandemie haben, die die Krankenhäuser und die Intensivkapazität überfordert?“, fragt Schwester Tine.

Schon vor Corona: Intensivpflege am Limit

Den Menschen und der Politik sollte klar gemacht werden, dass bald niemand mehr da ist, der Schwerstkranke betreut, wenn sich nicht schleunigst die Rahmenbedingungen verbessern. Intensivpflege ist ein anspruchsvoller Job mit fünf Jahren Ausbildung und kann nicht von jedem x-Beliebigen einfach übernommen und ausgeführt werden, wie es manche Politiker propagieren.

„Ohne damit die Corona-Erkrankungen relativieren zu wollen, der Tod ist schon immer ein ständiger Begleiter auf einer Intensivstation!“, sagt die Schwester. „Ich erinnere an MRSA (ca. 2.000 Tote im Jahr in Deutschland) oder die Influenza (25.000 Tote im Jahr 2017/2018).“
„Mir als Fachschwester ist es im Übrigen egal, was für ein Krankheitsbild ein Patient hat, der das Intensivbett auf meiner Station belegt. Jeder Patient hat das Recht auf eine anständige Versorgung. Und dazu braucht man nun mal ausreichend Pflegepersonal.“

Und ja, das Arbeiten in Schutzkleidung sei eine noch zusätzliche Belastung. Hinzu komme die Dokumentationspflicht. Pro Schicht ein bis zwei Stunden. Das kann jede Kollegin bestätigen. Hinzu kommen Hunderte von Überstunden im Jahr. 2020 waren es 300 Überstunden bei Tine, eine Kollegin berichtet von 400, seit Jahren.

Tausende Operationen abgesagt

Seit der „zweiten Coronawelle“ werden wieder tausende Operationen verschoben oder abgesagt. Nach Angaben der Krankenkasse AOK gingen die Fallzahlen in deutschen Krankenhäusern – psychiatrische Kliniken ausgenommen – zwischen März 2020 und 2021 um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück. Auch die Zahl der Notfallbehandlungen sei zwischen Oktober 2020 und Januar 2021 deutlich zurückgegangen, zeigt sich Jürgen Klauber vom wissenschaftlichen Dienst der AOK besorgt. Patienten würden lebensgefährlich lange warten, bis sie den Notruf wählen.

Insolvenzwelle bei Krankenhäusern erwartet

„Man hat über Jahre auf Kosten der Krankenpflege das Gesundheitssystem sanieren wollen“, klagt Schwester Tine. Tausende Stellen wurden gestrichen. 9.000 Pflegekräfte haben ihren Beruf verlassen. Viele wechseln ins Ausland, nach Luxemburg oder in die Schweiz. „Die Häuser sind gezwungen, Betten abzubauen, da bei Nicht-Einhaltung des Personalschlüssels empfindliche Strafen drohen“, berichtet Tine.

Wegen sinkender Fallzahlen droht eine Insolvenzwelle, warnt der Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD). „Durch die neue Personaluntergrenze fällt jetzt erst richtig auf, wie unterbesetzt die Stationen seit Jahren sind“, erklärt die Intensivschwester. Zu viele Patienten werden von gefährlich wenig Fachkräften versorgt. Die flächendeckende Gesundheitsversorgung steht auf der Kippe. Dennoch: „Außer Klatschen auf dem Balkon ist seit Beginn der Pandemie nichts passiert“, so Tine.