Thea: Geboren im Coronajahr

zuerst erschienen unter Reitschuster.de

Cindy und Sven leben zusammen in Leuna an der Saale. Über zehn Jahre kennen sich der 31-jährige Chemikant und die Sozialversicherungsfachangestellte, als Cindy schwanger wird. Ein Wunschkind! Das Paar ist überglücklich. Doch dann wird Cindy krank. Die 28-Jährige muss mit einer schweren Darmerkrankung in die Klinik. Ende 2020 wird die kleine Thea auf die Welt geholt. Zehn Wochen zu früh. Mutter und Kind werden getrennt. Gemeinsame Zeit bleibt der jungen Familie verwehrt. Auch für Neugeborene und ihre Eltern heißt es in Coronazeiten 1x1x1. Ein Besucher pro Patient pro Tag!

Kinder leiden am meisten

Ob Geburtsstation, Kindergarten oder Grundschule – die Pandemie hat Schaden an den Kinderseelen angerichtet. dieBasis fordert die Auswirkung der Corona-Maßnahmen für Familien und vor allem für die Jüngsten der Gesellschaft klar zu benennen.

Thea hat Besuchsverbot

Nach einer Woche darf die kleine Thea die Neugeborenen-Intensivstation verlassen. „Sie entwickelt sich einfach fabelhaft!“, freut sich Sven. „Von uns dreien geht es ihr offensichtlich noch am besten.“ Cindy und Sven dagegen dürfen ihr Elternglück nicht gemeinsam genießen. Über Wochen ist die junge Mutter in Isolation, über Monate allein. „Meine geliebte Partnerin Cindy ist verzweifelt, zunehmend depressiv“, schreibt Sven an die Klinikleitung. „Sie entwickelt eine Mutter-Kind-Bindungsstörung, ein Krankenhaustrauma!“, vermutet er.

An manchen Tagen besucht die Mutter das Frühchen für eine Stunde. Dann ist wieder Besuchsverbot: „Wegen Corona!“ Trotz negativen Coronatests muss Cindy in Quarantäne. Wegen Kontakts zu einer positiv getesteten Person im Krankenhaus. „Sie hat Angst, eine schlechte Mutter zu sein“, fürchtet Sven. Bei Cindy wird eine Angststörung diagnostiziert. Als die kleine Thea aus dem Krankenhaus entlassen wird, erleidet Cindy einen Nervenzusammenbruch. Sie weint und schreit. „Ihr Zustand war so schlimm, dass sich die halbe Belegschaft der Station um sie versammelte, um sie zu beruhigen“, hat Sven erfahren.

Der Arzt: „Keine Grundsatzdiskussion“

Kreißsaal, Wochenstation, Innere 9 und 6, Intensivstation, IMC 2, Corona-Kontaktstation, Chirurgische Station. Neun Tage ist die kleine Familie zwei Monate nach der Geburt zusammen zu Hause, bis Cindy wieder ins Krankenhaus muss. Vater und Kind wird wieder der Besuch verwehrt. Sven muss stundenlang mit dem unruhigen Baby draußen warten. „Kindern unter 16 ist der Zutritt verboten!“, heißt es. Sven beschwert sich über die Coronaregeln im Krankenhaus. „Ich habe keine Muße, eine Grundsatzdiskussion zu führen“, sagt der Arzt. Aktuell hat Sven keine Besuchserlaubnis. Er hat Elternzeit.

Hebammen protestieren: #ichmachdanichtmit

„Es ist eben nicht egal, wie wir geboren werden.“ Hebamme Jana aus Sachsen-Anhalt zeigt sich erschrocken, wie Ärzte und ihr Berufsstand mit Familien umgehen. Sie bestätigt, dass Frühchen den Eltern weggenommen werden. Die Neugeborenen bleiben allein im Brutkasten. Besuchsrecht 1x1x1. Jana berichtet von einem weinenden Vater. Die Familie hatte über zehn Wochen ihr Neugeborenes nicht gesehen.

Hebamme Christina berichtet im Interview von Schwangeren, die bei Geburtsvorbereitungskursen unter der Maske kollabieren. „Das ist mir in 20 Jahren als Hebamme nie passiert. Im vergangenen Jahr gleich zwei Mal.“ Die Frauen liegen über Stunden ohne Beistand mit Maske in den Wehen. Schwangere erbrechen bei der Geburt beim Coronatest. Väter campieren im Auto vor dem Krankenhaus.

Hebamme Christina macht Mut: „Wehen in der Welle“

Die Hebammen, die die Coronapolitik kritisieren, seien in der Minderheit, sagt Christina. Viele Hebammen bieten keine Hausbesuche mehr an, sondern absolvieren die Wochenbettbetreuung online. Geburtsvorbereitungskurse sind illegal.

Christina möchte jungen Familien helfen. Sie motiviert Eltern dazu, den traurigen Start ins Leben später wieder gutzumachen. Durch Nähe, Wärme, nackte Haut.

Hören Sie hier das Interview mit Hebamme Christina im Podcast: „Geboren im Coronajahr“ hier oder hier.