Chronik einer Krankheit

zuerst erschienen auf Reitschuster.de

Es schneit in Brandenburg. Im Bauernhof bei Jessica und Emma ist es kalt. Heizung und Warmwasser sind abgestellt. „Kalte Räumung“ sozusagen. Jessica und Hund Emma leben in Brandenburg. Noch. Einst war der Bauernhof ein Sozialprojekt. Damals gab es viel zu tun. 80 Stunden pro Woche habe Jessica dort als Erzieherin und psychologische Beraterin in der Jugendhilfe gearbeitet, erzählt sie.

Der Staat vergisst seine Fürsorgepflicht

2019 zieht Jessica von Berlin nach Brandenburg. Sie kümmert sich um auffällige Kinder. „Systemrelevant“, sagt die 42-Jährige. Wohnung inklusive. Ihre Berliner Wohnung gibt sie auf. Die 13 Jahre alte Hundedame Emma siedelt mit um auf den Hof nach Baruth in Teltow-Fläming. Jessica bekommt einen unbefristeten Arbeitsvertrag und einen Mietvertrag. Sie arbeitet als „Rund-um-die-Uhr-Pädagogin“, sieben Tage pro Woche. Gewalttätige Jugendliche. Personalmangel.

Das Projekt gerät ins Wanken.

Im März 2020 ist endgültig Schluss. Jessica erhält die Kündigung für Job und Wohnung. Formlos per Telefonschalte. „Aus betrieblichen Gründen.“ Das Jugendhilfeprojekt wird aufgelöst. Der Hof wird verlassen. Jessica und der Hund bleiben. Wo sollen sie auch hin. Die Räumungsklage folgt. Es wird kalt in Brandenburg. Der Hof steht zum Verkauf. Am 14. Januar 2021 soll das Urteil verkündet werden. Dann müssen Jessica und Emma wohl raus aus der kalten Wohnung. Obdachlos!

Herbergssuche im Lockdown

Die Berliner siedeln 2020 um aufs Land. Katen, Bungalows, Lauben sind begehrt, vermietet und belegt. Stadtflucht vor Corona. Jessica findet keine Unterkunft.

Im Lockdown wird die „Herbergssuche“ zur Herkulesaufgabe. Die Familie kann nicht helfen. Die Mutter wohnt in einer 1-Zimmer-Wohnung. Freunde haben Familie oder Wohnungen, deren Vermieter Hundehaltung untersagt. Wohnungssuche unter Coronabedingungen.

Die Mobilität ist eingeschränkt. Das Wohnungsangebot ist niedriger denn je. Wohnungsbesichtigungen sind verboten. Jessica würde auch in einen Bauwagen oder eine Jurte ziehen, sagt sie. Optionen hat sie keine.

„Ich hatte mir ein wenig Geld angespart“, sagt sie. Die Wohnungssuche hat die Ersparnisse aufgebraucht. Immobilienabonnements, Schufa-Auskünfte, Zugfahrten in die Märkische Schweiz, nach Rathenow, Eberswalde, Berlin.

„Ich habe immer pünktlich die Miete bezahlt“, beteuert Jessica. Die oft geforderte Mietschuldenfreiheitsbestätigung erhält sie von der Ex-Chefin jedoch nicht. Termine beim Mieterverein gibt es nicht. Verwaltungen und öffentlicher Dienst im Homeoffice.

‚Querdenker unerwünscht‘

Jessica schreibt Sozialprojekte an, Gnadenhöfe und Hofgemeinschaften. Auch die Hilfsbereitschaft leidet in der neuen Zeit. „Die Menschen scheinen selbst belastet, können oder wollen nicht helfen“, sagt Jessica. „Und viele haben Angst vor Bußgeldern, wenn sie uns bei sich übernachten lassen.“

„Die Angst vor Sanktionen ist größer als Mitleid. Selbst unter Freunden!“, sagt Jessica.

Die neue Zeit fordert politische Opfer bei der Wohnungsvergabe. Die Betreiberin eines Internetforums für Wohnprojekte im Wendland hat Jessica im Netz überprüft. „Ich war echt schockiert und betroffen“, sagt Jessica.

„Nein zur neuen Normalität“ und „Schluss mit Lockdown!“ hatte Jessica in einem sozialen Netzwerk geteilt. „Die Frau aus dem Wendland schickt ein Video, in dem Menschen, die die Coronapolitik hinterfragen, satirisch abgehandelt werden“, erzählt Jessica. Mit Coronagegnern wolle die Frau aus dem Wendland nicht in Zusammenhang gebracht werden. Für Jessica ein „like“ zu viel.

„Nix für ungut, ich glaube, wie lassen das mit dem weiteren Kennenlernen“, schreibt die Frau.

Wohnungslos in der Coronazeit!

Es bleibt kalt.